„Fragt nicht, was euer Land für euch tun wird – fragt, was ihr für euer Land tun könnt!“ Es ist fast 65 Jahre her (20. Januar 1961), dass John F. Kennedy mit diesem Satz vielen Menschen, nicht nur in den Vereinigten Staa ten, aus dem Herzen gesprochen hat. Er wirkt heute wie ein Satz aus einer anderen Zeit. Oder können Sie sich einen Politiker vorstellen, der heute so unverblümt Solidarität und Engagement für das Gemeinwohl einfordern würde? Heute heißt es: „Mehr Netto vom Brutto“, und
in der Werbung wird mit Slogans wie „Unterm Strich zähl‘ ich“ oder „einzigartich“ unverholen der Egoismus angesprochen. Ein Mentalitätswandel, mit dem die Nachfolger Jesu Christi konfrontiert sind.
Einige Fragen dazu: Zunächst die nach Ursache und Wirkung: Ist die oft benannte Glaubenskrise die Ursache des wachsenden Egoismus oder deren Folge? Der Glaube denkt und lebt im „Wir“: „Unser tägliches Brot…“, nicht „Mein tägliches Brot…“, beten Christen im Vater unser. Vielleicht hat die Kirche die Nächstenliebe zu oft als Pflicht eines christlichen Lebens gepredigt, statt sie als Folge oder Ausdruck einer lebendigen Beziehung zum Erlöser und Retter Jesus Christus und als Chance und Einladung zu einem erfüllten Leben zu verkünden.
Wer ist der Glücklichere im Gleichnis vom barmherzigen Samariter? Der, der geholfen hat, oder die, die an dem Verletzten achtlos vorbeigingen?
„Mach dein Ding“, hieß vor einiger Zeit der Werbeslogan eines Baumarktes. Muss aber „mein Ding“ der eigene Erfolg, die persönliche Karriere sein, oder kann „mein Ding“ nicht auch Gottesliebe, Gottesverehrung, Nächstenliebe und Solidarität sein? Für viele Menschen gehört das Zweite zumindest dazu, denn die Spendenbereitschaft ist in der Gesellschaft ungebrochen hoch und viele Menschen engagieren sich ehrenamtlich.
Kann es sein, dass Politik und manche Werbung auf das falsche Thema setzen, wenn sie den Egoismus als „Verkaufsargument“ auf ihre Fah nen schreiben und es nur den Mut bräuchte, zu Solidarität und Nächs tenliebe zu ermutigen? Oder dient die Fixierung auf den vermeintlichen Egoismus der an deren den eigenen Interessen, wie Oscar Wilde es andeutet? „Egoismus heißt nicht leben, wie man zu leben wünscht, sondern von anderen zu verlangen, dass sie so leben, wie man es wünscht.“
Der oben genannte Baumarkt änderte seine Werbung später in: „Hier hilft man sich“, ein Motto, das auch über jeder christlichen Gemeinde stehen kann. Die bekennende Kirche erklärte 1934 in der Barmer Theologischen Erklärung gegen das totalitäre System im Deutschen Reich und in der deutschen Kirche: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“
Diese Erklärung hat seit einiger Zeit Bekenntnisstand in unserer bayrischen Landeskirche erhalten. Diese Erkärung war so wichtig für unser Land, dass sie 1984 sogar eine Sonderbriefmarke der Bundespost erhalten hat.
Auf dieses eine Wort Gottes, Jesus Christus und das „Wir“ und den einen Herrn kann der christliche Glaube und auch unser Land nicht verzichten. Gemeinschaft unter dem einen Herrn der Zeit und Ewigkeit. Mag das auch noch so unzeitgemäß erscheinen.
Ihre Pfarrer Holger Bär und Jonathan Gerber