Im heutigen Textbeitrag über die St. Nikolauskirche möchte ich mich näher mit der Kanzel befassen.
Immer wieder wird bei Kirchenführungen in St. Nikolaus gefragt, warum denn diese Kirche keine Kanzel habe, das sei doch in anderen evangelischen Kirchen absolut üblich. Aber ist das so, haben wir in St. Nikolaus wirklich keine Kanzel?
In einer lutherischen Kirche gehört die Kanzel neben Altar, Taufstein, Orgel und Kirchenbänken bzw. Emporen zu den wichtigsten
Ausstattungsstücken (Prinzipalia). Eine Kanzel in der Mitte des Kirchenraums, später angelehnt an den Chorbogen und damit an der Schnittstelle von Altar- und Gemeinderaum, sollte die Mittelpunktstellung des verkündigten Wortes Gottes sein. Die Kanzel ist der Ort der Predigt, hier werden die Worte der heiligen Schrift verkündet.
Die Kanzeln in ihrer heutigen Form entwickelten sich seit dem 12. Jhd. zunächst über ein erhöhtes Podest (Ambo), einem hohen, tribünenartigen Aufbau zwischen Chorraum und Hauptschiff bzw. angelehnt an einen Pfeiler, bis hin zur Kanzel in ihrer heutigen Form. Deren Kanzelkorb war in der Regel sechs- oder achteckig, ruhte auf einer Säule und hatte einen entsprechenden Schalldeckel.
Zu ihm hinauf führte eine vielstufige Treppe mit einem kunstvoll verzierten Geländer. Für markgräfliche Kirchen typisch war und ist bis heute eine spezielle Form der Kanzel, der Kanzelaltar. In St. Nikolaus wurde beim Neubau unserer Kirche 1838 eine neugotische Kanzel, angelehnt an den Chorbogen, installiert, wie auf dem Foto zu sehen ist. Auf der Unterseite des sechseckigen Schalldeckels war eine Taube angebracht, wie es für Schalldeckel absolut üblich war.
Bis zum Ende der 1960iger Jahre stand die Kanzel in St. Nikolaus. Doch an ihr nagte der Zahn der Zeit bzw. der Wurm. Sie war offensichtlich derartig wurmstichig, dass man sich entschloss, sie zu entfernen und durch eine Kunstschmiedearbeit des bekannten Pfarrers von Neunkirchen, Martin Zorn, der auch häufig Gottesdienste in St. Nikolaus hielt, zu ersetzen.
Pfarrer Zorn, der 1960 seinen Dienst in Neunkirchen antrat, war nicht nur ein beliebter Seelsorger, sondern auch ein begnadeter Kunsthandwerker. So schuf er das Kreuz auf dem Altar in der Friedenskirche in Ansbach nebst drei Leuchtern, weitere Altarkreuze in Oberndorf und eines in St. Johannis in Würzburg. Für die Kirche in Mitteldachstetten kreierte er den achteckigen Taufsteinaufsatz. Er malte auch und zusammen mit seiner ebenso kunstsinnigen Ehefrau Rosemarie illustrierte er Religionsbücher für den Religionsunterricht in Bayern für die 3./4. Klasse.
Doch zurück zu seinem aus Messingblechen geschmiedeten Lesepult, das man durchaus als modernes „Ambo“ bezeichnen kann und das die alte Kanzel ersetzte. Also zurück zu den Wurzeln: Die neue Kanzel ruht auf einem Backsteinsockel und kann an die Größe des Lesenden angepasst werden. Die senkrecht und waagerecht verlaufenden Stege bzw. Rechtecke, die der Gemeinde zugewandt sind, sollen wohl stark stilisiert einen Lebensbaum andeuten, ein urchristliches Symbol. Gestützt wird diese Deutung durch Licht, Schatten und durchbrochene Bereiche der Stege und Rechtecke, so wie es für einen Baum auch typisch ist. Es existieren aber leider keinerlei Unterlagen von Pfarrer Zorn über mögliche Erklärungen über die Darstellung und Deutung des Kunstwerkes bzw. auch keine mündlich überlieferten.
So bleibt es jedem Besucher der Kirche überlassen, welche Deutung er der neuen Kanzel beimisst bzw. zu welcher Deutung er sich bei Betrachtung des Kunstwerkes anregen lässt. Auch andere Gemeinden haben ähnliche, kunsthandwerklich gefertigte Kanzeln. Als Beispiel füge ich ein Foto der Kanzel der Judas-Thaddäusgemeinde in Duisburg bei. So hat die Kirche St. Nikolaus doch eine Kanzel, wenn auch eine ganz besondere. Und ein weiteres Kunstwerk, das zu betrachten sich immer lohnt.