(c) Evang. Kirchengemeinde Schalkhausen - Taube St NikolausJahreslosung 2019 aus Psalm 34,15

Liebe Leserin, lieber Leser,
wie schwierig die Sache mit dem Frieden ist, erleben wir in den Medien in vielen Facetten mit: ob in der Ukraine oder im Nahen Osten, in Zentralafrika oder in Westchina. Und damit sind ja nur ein paar Beispiele genannt. Auch dort, wo verhandelt wird, ist noch nicht klar, was dabei wirklich herauskommt. Was bedeutet eigentlich „Friede“? Mir kommt schnell das Gegenteil in den Sinn: „Krieg“. Wir dürfen Gott sei Dank in einem Land leben, in dem wir nicht gerade Angst vor einem Krieg mit Militäreinsatz haben müssen. Aber ist

damit bei uns schon alles in Ordnung?
Mir ist ein Text aus den Jahren eingefallen, in denen bei uns die Friedensbewegung ihre hohe Zeit hatte. Da konnte man in einer Schülerzeitschrift folgendes lesen: „Du schreibst Frieden auf deine Jacke und machst Krieg mit deinen Eltern. Du schreibst Frieden auf deine Stirn und setzt zum Angriff gegen das Establishment an. Du schreibst es auf deine Hosen und läufst Sturm gegen deine Lehrer.
Du brennst es in deine Haut und zankst dich mit deinem Bruder. Du möchtest, dass Frieden in deinem Wesen zu lesen ist, und führst Krieg mit dir selbst. Auf dem Papier, auf deiner Jacke, auf deiner Hose, auf deiner Haut, überall steht Frieden, doch in deinem Herzen ist Krieg…“.
Die meisten Menschen wünschen sich Frieden. Und wie oft erleben wir in unseren Beziehungen, in der Familie, in der Arbeitswelt, in der Gemeinde, aber manchmal auch noch näher, in unserem eigenen Herzen, wie da Neid, Unzufriedenheit, Streit, Eifersucht und sogar Hass aufsteigen. Und wir merken: Friede ist mehr als nur die Abwesenheit von Krieg.
„Suche Frieden und jage ihm nach!“ rät uns der Psalmbeter in der Jahreslosung 2019. Das hebräische Wort für Frieden heißt „Schalom“. Durch die ganze Bibel zieht sich wie ein roter Faden die Aussage, dass der lebendige Gott ein Gott des „Schalom“ ist, ein Gott des Friedens. Wir sehen das ganz besonders im Neuen Testament, fast alle Briefe enden mit dem Wunsch oder dem Gebet um Frieden. Das Wort „Schalom“ kann uns beim Verständnis dessen, was die Bibel und was Jesus mit „Frieden“ meint, helfen. „Schalom“ – Friede kann man auch übersetzen mit „Vervollständigung“, „Ganzheit“, „Zu-frieden-heit“. Dieser Schalom betrifft alle Lebensbereiche. Wo Schalom ist, da ist Heil, Sicherheit, Gesundheit, Versöhnung, Freude, Ganzsein. Wenn man im Hebräischen wissen
will, wie es jemandem geht, fragt man: „Wie geht es deinem Schalom?“ Und wenn man jemandem Schalom wünscht, geht es um einen Frieden in jedem Lebensbereich: mit mir selbst, mit Gott, mit meiner Umgebung. Jesus hat den Menschen, die mit ihm unterwegs waren, solchen Frieden ans Herz gelegt: „Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ (Matthäus 5,8)
Die „Friedfertigen“ – die Übersetzung von Martin Luther ist an dieser Stelle etwas zu schwach. „friedfertig“, das klingt in unseren Ohren heute vielleicht passiver als zu Luthers Zeiten, so als wäre alles nur zu erdulden, zu ertragen, als müsste ein Mensch, der mit Jesus unterwegs ist, immer nur den Kopf einziehen oder vom Unrecht wegsehen „um des lieben Friedens willen“.

Im griechischen Urtext von Matthäus 8,5 klingt es viel aktiver. Da geht es um „Friedensstifter“. In der englischen Übersetzung wird das schön deutlich: „Blessed are the peacemakers, for they shall be called sons of God.“ Wir können uns aktiv für den Frieden einsetzen.
Dafür gibt es auch ganz tolle Vorbilder. Für mich ist so ein Vorbild Martin Luther King. Er hat sich in seiner Zeit, als Farbige in den USA stark diskriminiert waren, mit seinem ganzen Leben dafür eingesetzt, dass es eine Gleichberechtigung für Schwarze und Weiße gibt. Denn Frieden hat immer auch mit Recht und Gerechtigkeit zu tun. M.L. King lebte ganz besonders mit und aus den Worten der Bergpredigt von Jesus. Ihm lag am Herzen, dass in der Bewegung, die er anführte, alles ohne Gewalt zuging. Aus seinem Glauben an Jesus Christus heraus war ihm klar, dass mit Gewalt oder Hass
nie Frieden erreicht werden kann. Er sagte: „Dunkelheit kann Dunkelheit nicht vertreiben; nur Licht kann das. Hass kann Hass nicht vertreiben; nur Liebe kann das… Die Liebe ist die stärkste Waffe der Menschheit, um persönliche und gesellschaftliche Wandlungen zu erreichen.“
Mit so einem Vorbild können wir uns auch selber auf die Suche nach dem Frieden machen: in unserem eigenen Leben, in unserer Familie, im Umgang mit den Menschen, die uns alltäglich
begegnen, in unserer Gesellschaft. Und wir können gewiss sein, dass wir dabei auf dem Weg der Nachfolge Jesu sind. Jesus hat seine Jünger und uns nicht allein auf der Erde zurückgelassen, als er in die unsichtbare Welt Gottes zurückkehrte. Sondern er hat seinen Jüngern und uns, jedem, der auf Jesus schaut und ihm vertraut, den Gottesgeist geschenkt, die Gegenwart Gottes. An diesen Gottesgeist erinnert übrigens das Symbol der Taube in vielen Kirchen (auch in unserer Nikolauskirche), die auch zum Friedenssymbol geworden ist. Der Geist Gottes, der die kraftvolle Liebe Gottes heute in unser Herz hineinträgt, kann und wird in uns Gutes schaffen. Er wird uns antreiben und Mut machen, das Rechte zu tun und Friedensstifter zu sein.
Wir sollen ganz intensiv danach suchen und dürfen Gott von ganzem Herzen bitten: Dass Friede in den Absichten wohnt, die wir hegen, in den Mitteln, zu denen wir greifen, und in den Zielen, nach denen wir streben.
Herzlich grüßt Sie Ihr Pfarrer Reinhold Pfindel