(c) Karl Michael Soemer pixelio.deLiebe Leserin, lieber Leser,

gehören Sie zu den Zeitgenossen, die skeptisch auf den vorweihnachtlichen Trubel schauen? Freuen Sie sich auf Weihnachten? Es ist doch erstaunlich, was das Geschehen von Weihnachten überall auf der Welt auf die Beine gebracht hat. Ja, überall auf der Welt wird Weihnachten gefeiert, auf allen Kontinenten, in großer Vielfalt, ganz

unterschiedlich.

Die Wirkungsgeschichte von Weihnachten lässt sich, oberflächlich betrachtet, ablesen an Stichworten, die uns für gewöhnlich in der vorweihnachtlichen Zeit beschäftigen: Weihnachtsgeschäft, Konsum und Kommerz, Besinnlichkeit und Weihnachtsstress,Weihnachtsmarkt und Weihnachtsbaum, Familienfest, Geschenke und Festessen und so weiter. Aber ist das alles?

Wenn wir ein wenig hinter das Offensichtliche schauen, fällt uns vielleicht ein: Unsere heutige Zeitrechnung richtet sich nach der Geburt Jesu. Wir datieren alles nach der Anzahl der Jahre, die seit dem ursprünglichen Ereignis von Weihnachten geschehen sind. Für so entscheidend hielten unsere Vorfahren das Kommen von Jesus Christus, dass man daran den Ablauf der Geschichte bemaß.

Graben wir uns also durch die vielen Schichten hindurch, die sich im Lauf der Jahrhunderte über das Kerngeschehen von Weihnachten gelagert haben. Wir stoßen dann auf eine sehr interessante gesellschaftliche Situation, in der unter erbärmlichen Umständen in einem abgelegenen Winkel des römischen Weltreichs ein Kind geboren wird. Es sieht aus wie jedes andere Neugeborene und ist doch ein besonderes Kind. Die Advents- und Weihnachtslieder, die in den Gottesdiensten rund um das Christfest gesungen werden, beschreiben in immer neuen Anläufen das Geheimnis dieses Jesus, der wahrer Mensch ist und in dem zugleich wahrhaftig Gott zu uns kommt. Sein Name ist Programm: Jesus heißt „Gott hilft, Gott rettet.“

In Jesus Christus wird uns beides vor Augen gestellt: wie Gott ist und wie der Mensch sein soll. Sein herausfordernder Lebensstil, seine Liebe zu allen Menschen, seine Barmherzigkeit gerade mit den Schwachen und Schuldiggewordenen, sein grenzenlos vertrauensvoller Umgang mit dem Vater im Himmel, sein ganzer Weg hat Menschen von Anfang an angezogen und tut es bis heute. Wer sich auf Jesus Christus einlässt und auf ihn hört, gewinnt eine neue Lebenseinstellung, wird misstrauisch gegenüber Ideologien jeglicher Couleur, kann aber nie zum Menschenfeind werden. Das gehört elementar zur christlichen Weihnachtsbotschaft.

Ich glaube, wir zehren in unserer Gesellschaft immer noch stark von dieser christlichen Substanz, mehr als uns oft bewusst ist.

Der Schriftsteller Heinrich Böll, der Christen und Kirchen sehr kritisch den Spiegel vorhalten konnte und sie aufforderte, doch wirklich im Geist Christi zu leben, hat einmal so formuliert: „Ich überlasse es jedem einzelnen, sich den Albtraum einer heidnischen Welt vorzustellen oder einer Welt, in der Gottlosigkeit konsequent praktiziert würde: den Menschen in die Hände des Menschen fallen zu lassen.. Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache, und mehr noch als Raum gab es für sie: Liebe für die, die der heidnischen wie der gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen… Ich empfehle es der Nachdenklichkeit und Vorstellungskraft der Zeitgenossen, sich eine Welt vorzustellen, auf der es Christus nicht gegeben hätte.“

Gott sei Dank – gibt es Weihnachten! Wenn Sie das auch so sehen und verstehen können, dann bitte: Zeigen Sie Flagge!

Ein nachdenkliches und gerade deshalb frohes Weihnachtsfest wünscht Ihnen Ihr Pfarrer

Reinhold Pfindel